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Was haben Filz, ein 1944 über der Krim abgestürzter deutscher Soldat, die Bauphysik
und ein russischer Hausgeist namens "Domowoj" gemeinsam?
Wenn Sie die Antwort auf diese Frage mehr interessiert als eine simple "Online-Anleitung zum Filzen", die es im
Übrigen zu hunderten im Netz gibt, dann lade ich Sie ein, meine gesammelten Gedanken und Geschichten rund um den Stoff zu
lesen, mit dem ich arbeite.
Sollten Sie also eher allgemeine oder auch (in jeder Hinsicht) erschöpfende Informationen über dieses Material suchen,
dann gibt es da draußen im Internet sicher bessere Anlaufstellen als diese.
Aber seien Sie mein Gast, wenn Sie mehr über meine Liebe zum Filzen erfahren möchten.
Im März 1944 stürzte ein junger Soldat aus Krefeld an der russischen Ostfront, im nördlichen Teil der
Halbinsel Krim, mit seinem Flugzeug in einem Schneesturm ab. Während der Pilot der Fliegers bei dem Absturz ums Leben kam,
überlebte der junge Mann, ein gewisser Joseph Heinrich Beuys, den Unfall schwerverletzt. Er wäre allerdings wahrscheinlich
erfroren, bevor die Suchtrupps der deutschen Armee eintreffen konnten, wenn ihn nicht Tartaren gefunden hätten.
Diese Nomaden lebten, wie Beuys später sagte, "im Niemandsland zwischen der deutschen und der russischen Front",
und sie nahmen den Verletzten mit in ihr Dorf, wo sie ihn in Filzdecken einwickelten, um ihn vor dem Erfrieren zu retten.
Diese kleine Episode gehört laut einer Website der Universität Stuttgart "zur gehobenen Allgemeinbildung und ist Teil der
europäischen Kunstgeschichtsschreibung", weil sie erklärt, warum der später weltberühmte Künstler Beuys zeitlebens eine große Affinität zu dem Material Filz hatte.
Aber sie sagt uns nicht nur etwas über Beuys, sondern auch über den Stoff, der ihm das Leben rettete und den er später so
liebte. Zum einen, dass Filz ein sehr traditionelles, sehr altes Material ist. Die Tartaren, die Beuys fanden, lebten so,
wie es schon Generationen vor ihnen getan hatten, und nutzten Filz, um Decken, Kleidung und sogar ihre Zelte herzustellen.
Auch die Jurten, die traditionellen Häuser der Nomaden in der Mongolei, werden seit ewigen Zeiten aus Filz gefertigt, denn
das Filzen gilt als die älteste Methode, mit der Menschen ein flächiges, textiles Gewebe herstellen können. Im sibirischen
Altai-Gebirge haben Wissenschaftler Filzstücke gefunden, die wegen des dortigen Dauerfrostes die Zeiten überdauert haben
und auf etwa 8.500 Jahre vor Christus datiert werden!
Beim Filzen werden verschiedene Fasern, bevorzugt Schafwolle, gepresst und gestampft, sodass sie sich unauflösbar miteinander
verbinden. Niemand kann sagen, ob unsere Ahnen diese Technik einst entdeckten, weil sie an ihren eigenen Kopfhaaren das Phänomen
des Verfilzens wahrnahmen und diesen Effekt dann gezielt mit Tierhaaren wiederholten. Vielleicht stießen sie auch zufällig auf
diese Methode, wie es zum Beispiel eine Legende behauptet, nach der der Heilige Christophorus sich Wolle in seine Sandalen
stopfte, um Blasen zu vermeiden, und am Ende langer Märsche feststellte, dass sich daraus Filzsocken gebildet hatten.
Diese Geschichte ist zwar in der Tat nur eine Legende (denn das Filzen ist, wie erwähnt, viel älter als selbst dieser Heilige),
aber sie gibt die Technik des Filzens durchaus wieder: Durch Druck verbinden sich die Fasern, bis sie nicht mehr zu lösen sind.
Die Nomaden, die für ihre Zelte sehr große Bahnen Filz brauchen, rollen die Wolle ein, verschnüren sie und ziehen sie
anschließend stundenlang hinter ihren Pferden durch die Steppe.
Meine Art des Filzens ist weniger spektakulär. Meine Stücke entstehen mit der Technik des Nassfilzens: Die ausgelegte Wolle
wird mit heißem Wasser und Olivenseife versetzt und dann anfangs sanft, später kraftvoll gewalkt. Durch das Wasser stellen sich
an den Wollfasern die oberen Schuppenzellen auf und begünstigen so, dass sich die Haare miteinander verhaken.
Zweitens lehrt uns die Rettungsgeschichte des Joseph Beuys, dass - wie er selbst später sagte - "Filz die Wärme hält".
Das ist zwar nicht völlig korrekt formuliert, aber immerhin schon präziser als das, was man sonst oft so hört. Zum Beispiel,
dass "Filz wärmt". Das kann kein Stoff, das können nur Energiequellen. Was den Filz auszeichnet, das sind vielmehr
seine hervorragenden Dämmeigenschaften. Und die führen zum Beispiel auch dazu, dass Filz bei großer Hitze "die Kühle hält"!
Tja, bei diesem Thema bricht doch noch mal die Architektin in mir durch, denn als solche beschäftigt man sich auch mit der
Bauphysik. Sie lehrt, dass man "stehende Luftschichten" erzeugen muss, um einen Dämmeffekt zu erzielen. Eine solche
Luftschicht verhindert, dass Wärme - egal, in welcher Richtung - transportiert wird. Wir alle kennen "stehende Luftschichten"
aus unseren Thermoskannen, wo sie in dem doppelwandigen Glaskörper eingeschlossen sind, oder von unseren Bettdecken. Dort haben wir
den Effekt von den Vögeln abgeschaut. Wird ihnen kalt, plustern sie sich auf. Das heißt, sie stellen die Federn auf und vergrößern
so die stehende Luftschicht. Die Eigenschaften, die Schafwolle für diese Aufgabe mitbringt, sind geradezu perfekt. (Sonst würde auf
Schafen sicher auch etwas anderes wachsen.) Schon jedes einzelne Haar ist so aufgebaut, dass es selbst im nassen Zustand noch in der
Lage ist zu dämmen. Wolle ist ein schlechter Wärmeleiter und schwer entflammbar. Es ist zudem ein nachwachsender Rohstoff, leicht
kompostierbar und praktisch schadstofffrei. (Im Gegenteil: Wolle ist sogar in der Lage, Formaldehyd aus der Raumluft aufzunehmen
und dauerhaft zu binden!)
In meiner aktiven Zeit als Architektin ist mir Schafwolle auch einige Male als Dämmmaterial begegnet. Aber anders als bei
den traditionellen Jurten wird die Schafwolle bei unseren Wand- und Dachkonstruktionen regelrecht eingebaut, und dieser
Umstand begünstigt den Befall mit Motten, was dazu geführt hat, dass sich Schafwolle noch nicht so richtig als Dämmung an
Häusern durchsetzen konnte. Für Mensch und Tier ist es jedoch ein idealer Stoff. Man denke nur an die russischen
Filzstiefel, "Walenki" genannt. In ihnen hat man auch bei minus 50 Grad C noch warme Füße. Diese Tatsache verschaffte
den russischen Soldaten einen historischen Vorteil im Zweiten Weltkrieg.
Aber einem Artikel aus dem "Eurasischen Magazin" vom Januar 2006 ist zu entnehmen, dass mit diesen berühmten Filzstiefeln
nicht nur Soldaten, Eisenbahn- und Ölarbeiter ausgerüstet werden, sondern dass sie auch in der Hitze eines Stahlwerkes getragen werden -
wo sie wegen des Dämmeffekts die Füße der Arbeiter kühl halten. Weiter heißt es im erwähnten Artikel, dass eine Grippe über Nacht
vergehen soll, wenn man die Stiefel beim Schlafen anlässt. Und russischen Frauen versichern, dass das Tragen der Stiefel die Potenz
erhöht ... Schließlich heißt es in dem Text, dass in den Filzstiefeln auch ein "Domowoj" wohnt, ein Hausgeist. Zieht ein
Russe um, so trägt er zunächst seine Filzstiefel in das neue Wohnzimmer, damit der Geist es in Besitz nehmen kann. Ein Hinweis,
der mich sehr berührt, denn auch mir erscheinen die Wolle und der Filz beseelt zu sein.
Drittens können wir der so legendären Geschichte von Beuys und seiner Beziehung zum Filz noch ein weiteres Merkmal dieses Stoffes
entnehmen. Denn jenes Material wäre für einen kommenden Star der Kunstszene wie ihn wohl kaum von dauerhaftem Interesse gewesen,
wenn es nicht den großen Vorteil gehabt hätte, dass man nahezu alles aus ihm formen kann. Zunächst denkt man sicherlich an den
Filzhut oder die berühmten Filzpantoffeln - aus Wollfilz geformte Hohlkörper. Aber ebenso lässt sich Filz, wie jeder andere
Wollstoff, zum Schneidern verwenden.
Wer ein bisschen auf dieser Homepage stöbert und sich die Bildergalerien anseht, wird schnell merken, dass ich selbst eine Vorliebe
dafür habe, verschiedene Dinge zu umfilzen, vorzugsweise Muscheln. Zum einen liebe ich den Kontrast zwischen den Tieren aus dem Meer
und der Wolle der Landtiere. Zum anderen sind beide Materialien von höchster Perfektion. Darauf möchte ich durch die gemeinsame
Verarbeitung die Aufmerksamkeit lenken.
Der Umgang mit den Naturmaterialien Wolle, Wasser und Seife hat eine sehr sinnliche Komponente. Der Vorgang des Walkens und Filzens
selbst kommt einer Meditation sehr nahe: Versenkung, Beruhigung des Verstandes, Bündelung der Aufmerksamkeit. Dadurch wird ein
Raum eröffnet, in dem kreatives Schöpfen in vielfacher Form möglich wird. Hierin liegt meine große Liebe zum Filzen begründet.
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